
WN 12.5.01
Braucht Zappelphilipp Psychopharmaka?
Podiumsdiskussion von Kneipp-Verein und Jugendamt hervorragend besucht
-jf- Gronau
Max ist acht und zappelt. Täglich gibt es Ärger, mit Eltern, Lehrern und Mitschülern. Er kippelt mit dem Stuhl, schlägt vor Wut um sich, brüllt in die Klasse. Jeder Tag ist für ihn eine Katastrophe. Max hat ADS. Die drei Buchstaben stehen für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Max ist krank.
300 Zuhörer, fünf Experten, eine Moderatorin und etliche sachkundige Gäste waren am Montagabend in das Gemeindezentrum Mitte gekommen, um über Kinder wie Max zu sprechen. Dabei stand schon bald nicht die Frage nach Ursachen der Krankheit im Mittelpunkt, sondern die Suche nach Hilfen, nach Möglichkeiten für Familien mit »Zappelphilipp« umzugehen. Verständlicherweise, betonte WN-Redakteurin Elke Seul, die die Diskussion moderierte. »Denn ein hyperaktives Kind zu ertragen, ist für eine Familie eine unglaublich schwere Aufgabe.«
»Daher muss man zunächst die Eltern entlasten und ihnen die Schuldgefühle nehmen,« beschrieb der Hausarzt und Therapeut Dr. Gerd Koberg seine Strategie. Er lädt Familien, in denen ein ADS-Kind ist, zur gemeinsamen Therapie.
Bewegen müssen sich die ADS-Kinder in der Therapie der Diplom-Lehrberaterin Angelika Philipen-Krüger. Ihr Konzept: Wenn ADSler tasten und fühlen, können sie auch lernen.
In der Praxis von Michael Förster werden die Symptome von ADS mit ergotherapeutischen Methoden behandelt: Das Spektrum der Therapiemöglichkeiten, das die Experten abdeckten, war breit. Es reichte von Logopädie, über Motopädie bis zum gezielten, praktischen Elterntraining.
Doch welchen Weg die Diskussion auch nahm, immer kreiste sie um ein Reizwort: Retalin, ein Psychopharmaka, das ADSler beruhigen soll. »Wir wissen sicher, dass ein gutes Dutzend Kinder in Gronau dieses Medikament bekommt, schätzen die tatsächliche Zahl aber auf das Drei bis Vierfache«, sagte Alfred Hupe-Ziemen, Leiter des Jugendamtes.
Die Kinderpsychologin Birgit Wich-Knoten wehrte sich gegen diese vermeintliche Hilfe: »Ein Kind unter Retalin hat keinen Zugang zu seinen Fähigkeiten. Zudem verändert das Medikament nichts. Wenn sie es absetzen, haben sie sofort wieder die gleichen Symptome.« Sofort regte sich Widerstand im Saal. »Mein Kind nimmt Retalin. Und es war sofort ein anderer Mensch«, beschreibt eine Betroffene, die für ihre Familie hilfreiche Wirkung. »Es kann sich wieder konzentrieren und findet Freunde.«
Auch Birgit Müller, Mitglied der Elterninitiative «Zappelphilipp« sprach für das Medikament: «Wir sind dem Retalin gegenüber positiv eingestellt. Es bewirkt, dass unsere Kinder wieder mit ihrer Umwelt umgehen können. Besser sie bekommen es, als das sie sich umbringen oder Drogen nehmen.«
»Retalin ist eine Droge«, betonte Koberg. »Es darf eigentlich nicht länger als vier Monate verschrieben werden.« Eine Regel, die von vielen Kinderärzten nicht eingehalten wird. Warum das so ist, erfuhren die Eltern nicht. Denn trotz etlicher Anfragen der Veranstalter wollte kein Kinderarzt an der Diskussion teilnehmen.