
Quelle: http://www.munlv.nrw.de
Bärbel Höhn
Ministerin für Umwelt und Naturschutz,
Landwirtschaft und Verbraucherschutz
des Landes Nordrhein-Westfalen
Umwelt - Gesundheit - Eigenverantwortung
Festvortrag
zum zehnjährigen Bestehen des Kneipp-Vereins Gronau e. V.
Freitag, 12. März 2003
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Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr über die Einladung zu Ihrer Festveranstaltung heute. Mein Dank richtet sich an die Veranstalter, die mir für dieses besondere Ereignis heute die Möglichkeit geben, über Umwelt, Gesundheit und unsere Eigenverantwortung zu sprechen.
Die Kneipp-Vereine sind über viele Jahrzehnte als besonders engagiert in Natur- und Umweltfragen bekannt. Damit meine ich selbstverständlich zuerst die alltägliche Arbeit Ihres Vereins hier vor Ort auf dem Gebiet der Gesundheitsberatung und Gesundheitsvorsorge nach den fünf Kneipp-Prinzipien:
Die von Sebastian Kneipp begründete Behandlungsmethode umfasst die ausgewogene Ernährung ebenso wie die harmonische Verteilung von Ruhe und Bewegung; sie setzt auf die starke Einwirkung von Sonne, Luft und Wasser sowie auf die Verwendung von Heilmitteln aus der Natur.
Im Grunde geht es hier um eine ganzheitsmedizinische Regenerationstherapie, die mittlerweile zunehmend auch von der modernen Medizin betrieben wird. Mit anderen Worten: Kneipp ist viel mehr als nur kaltes Wasser. Die Kneipp-Therapie erfasst den ganzen Menschen in seiner Einheit von Körper, Geist und Seele.
Meine Damen und Herren,
Ihre tägliche Arbeit in Ihrem Kneipp-Verein hier vor Ort stellt für viele Bürgerinnen und Bürger eine außerordentlich große Hilfe dar, die unverzichtbar geworden ist. Davor habe ich sehr großen Respekt.
Ich denke bei Ihrer Arbeit gleichzeitig aber auch an das Engagement des Kneipp-Bundes NRW auf der überörtlichen, regionalen Ebene. Auch hier wird verdienstvolle Arbeit geleistet. So hat etwa der Kneipp-Bund NRW mit dafür gesorgt, dass Themen wie natürliche Ernährung, ökologisches Bauen, Naturkosmetik oder biologische Möbel und Kleidung heute kein Nischendasein mehr führen.
Das hat zu einem Umdenken auch auf der Anbieterseite geführt:
Diese positive Entwicklung darf uns allerdings nicht den Blick verstellen auf die nach wie vor vorhandenen Umweltgefahren in unserem Land. Ich meine damit zum Beispiel:
Diese großen Umweltprobleme sind auch immer mit alten und neuen Krankheitsgefahren verbunden.
Die Umweltmedien Luft, Wasser und Boden sind unsere physischen Lebensgrundlagen. Die modernen ökologischen Probleme bedrohen daher nicht nur unsere natürliche Umwelt, sondern sie bedrohen gleichermaßen unsere Gesundheit.
Wir wissen heute zwar nicht genau, auf welche Weise genetische Faktoren, persönlicher Lebensstil und Umwelteinflüsse aufeinander wirken. Wir wissen noch nicht viel über die Bedeutung der modernen Umweltprobleme für neue Krankheiten. Fest steht hingegen: Kein seriöser Wissenschaftler streitet mehr ab, dass Umweltfaktoren zum Beispiel bei der Krebsentstehung eine zentrale Rolle spielen.
Meine Damen und Herren,
25 Prozent aller vermeidbaren Krankheiten der Welt werden laut UNO durch eine schlechte Umweltqualität verursacht. Die UNO geht ferner davon aus, dass für mehr als 40 Prozent aller Krankheiten Risikofaktoren der Umwelt verantwortlich sind. Besonders bitter: Vor allem Kinder unter fünf Jahren sind gefährdet, auch wenn sie lediglich weniger als zehn Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.
Die Weltgesundsheitsorganisation (WHO) weist auf einen Wandel der Gesundheitsrisiken hin: Danach umfasst das "traditionelle Spektrum" der gesundheitlichen Risiken die eindeutigen, klar erkennbaren Gefahren durch Hunger und Durst, durch mangelhafte Abwasserbehandlung und Schmutz. Die "modernen Gesundheits-Risiken" dagegen liegen laut WHO in der Luftverschmutzung, in der Chemikalien-Exposition und beim Autoverkehr.
Um hier nur eines der großen modernen Gesundheitsrisiken der Zukunft zu nennen: Im Zuge des so genannten Treibhauseffektes werden atmosphärische Veränderungen eintreten, die mit großer Wahrscheinlichkeit zu neuen Hitzewellen, Wirbelstürmen, Überflutungen und Wasserknappheiten führen.
Allmählich setzt sich vor diesem Hintergrund die Erkenntnis durch: Das Problem unserer Umwelt- und Gesundheitspolitik sind oft die Produkte und Dienstleistungen selbst. Unsere Wirtschafts- und Produktionsweise erzeugt bei der Verwandlung von Rohstoffen in Produkte immer noch und fortlaufend zu hohe Emissionen, zu viele Abwässer, zu viele Abfälle.
Dieses zu ändern, ist nicht leicht, aber notwendig. Statt weiterhin riesige Massen- und Warenströme zu vergrößern, statt weiterhin ökologische Lasten zu produzieren, die wir irgendwann werden bezahlen müssen - auch mit unserer Gesundheit -, anstelle all dessen brauchen wir eine ökologische Produktpolitik. Wir benötigen eine Produktion, die effizient mit Ressourcen umgeht; wir benötigen eine nachhaltige Produktion, die Abfälle vermeidet, Wasserverbrauch minimiert, Energie spart und Ressourcen schont. Wenn Energie effizient genutzt wird, wenn Autos weniger Sprit verbrauchen und Konsumartikel natürlicher und langlebiger gemacht werden, dann dient das nicht nur unserer Volkswirtschaft, sondern es dient vor allen Dingen auch unserer Gesundheit.
Das Land Nordrhein-Westfalen, meine Damen und Herren, bietet gute Voraussetzungen für die notwendigen ökologischen Reformen. Verschiedene Studien rechnen uns vor, dass es beim Energieverbrauch ein Einsparpotenzial von bis zu 50 Prozent gibt. In den Privathaushalten Nordrhein-Westfalens finden sich im Übrigen die größten Einsparmöglichkeiten, erst an zweiter Stelle liegt die Schwerindustrie. Auf solche Fakten können wir uns als Landesregierung stützen, wenn wir Initiativen ins Leben rufen wie unsere Förderprogramme zur Nutzung der Erneuerbaren Energien.
Wir bieten den Unternehmen "Ökoprofit" an. Wer in der Produktion Ressourcen spart, spart auch Geld. Fast 200 kleine und mittlere Unternehmen haben schon mitgemacht und durchschnittlich pro Jahr über 30.000 Euro eingespart.
Die Landesregierung hat zur Forcierung des Produktionsintegrierten Umweltschutzes die "Effizienz-Agentur NRW" mit Sitz Duisburg gegründet. Diese Agentur, die unter Federführung meines Hauses arbeitet, berät insbesondere kleine und mittlere Unternehmen. Auch hier haben sich fast 200 Unternehmen durchchecken lassen und Ressourcen und Geld gespart.
Auch das erste Ziel unserer neuen Abfallpolitik heißt Abfallvermeidung durch produktionsintegrierten Umweltschutz. Das verstehen wir heute unter Innovation.
Für die landestypischen Wirtschaftsbranchen untersuchen wir die Chancen und Risiken einer ökologischen Stoffwirtschaft, die auf Abfallvermeidung und auf Ressourcenschonung orientiert ist. Wir beurteilen bestimmte Stoffströme nach ihrer Umwelt- und Gesundheitsbelastung. Wir beurteilen die ökologische Zukunftsfähigkeit von bestimmten Produkten anhand ihrer Herstellung, Verwendung, Verwertung und Entsorgung.
Sehr geehrte Damen und Herren,
diese Orientierung meines Hauses auf den vorsorgenden Umwelt- und Gesundheitsschutz verbinden wir natürlich mit der Qualifizierung unserer bestehenden klassischen Aufgaben.
Die großen Erfolge bei der Verbesserung der Luftqualität in NRW sind weitgehend bekannt. Beispielhaft sei die extreme Verminderung von Schwefeldioxid im Rhein-Ruhr-Gebiet im Laufe der Jahrzehnte genannt, die mit der Sanierung der Industrieanlagen zu tun hat. Auch die Dioxin-Konzentration im Duisburger Süden haben wir seit 1996 um 95 Prozent reduziert. Sie liegt heute auf dem Niveau anderer industrieller Ballungsräume.
Trotzdem kann es immer noch in der direkten Nähe von Industrieanlagen zu hohen Immissionen kommen; deshalb führen wir das Programm "Systematische Ermittlung und Beseitigung von Belastungsschwerpunkten in Nordrhein-Westfalen" durch. Dabei geht es besonders um die Verminderung hochtoxischer und krebserzeugender Stoffe, wie zum Beispiel Dioxine und Furane, polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Benzol oder Cadmium, Nickel und Feinstäube.
Auch unsere Bemühungen auf lokaler Ebene fruchten. Zum Beispiel haben wir im Rahmen einer freiwilligen Vereinbarung mit der Firma Thyssen Krupp Stahl AG ein umfangreiches Paket von Emissionsminderungsmaßnahmen für den Duisburger Norden auf den Weg gebracht. Die ersten Staubminderungsmaßnahmen sind erfolgt, weitere werden folgen.
Ganz neue Anforderungen werden an uns durch die Luftqualitätsrichtlinien der EU gestellt. Wir müssen bei Partikeln jetzt auch Feinstäube messen. Und diese Messungen zeigen Überschreitungen der Grenzwerte, die ab 2005 EU-weit gelten. Für die Gebiete, in denen Grenzwerte überschritten werden, müssen Maßnahmenpläne zur Immissionsminderung entwickelt werden. Hier muss jetzt auch der Straßenverkehr als bedeutender Schadstoffemittent einbezogen werden. In Hagen wird gerade als Modellprojekt ein solcher Maßnahmenplan erarbeitet. Bei der Aufstellung von Maßnahmenplänen können wir auf die langjährigen Erfahrungen mit den Luftreinhalteplänen in NRW zurückgreifen, die wir derzeit ebenfalls nach den neuen EU-Richtlinien überarbeiten.
Inzwischen erstellen wir eine vierte Generation von Luftreinhalteplänen, die jetzt vor allen Dingen die regional begrenzte und komponentenspezifische Luftbelastung stärker berücksichtigen. Das Ergebnis sind medienübergreifende Maßnahmenpläne.
In diesem Zusammenhang stehen auch weitere humanmedizinische epidemiologische Wirkungsuntersuchungen, die wir vor allem an regionalen Belastungsschwerpunkten durchführen.
Wir untersuchen den Einfluss von Schadstoffen auf die Gesundheit von Menschen in industriellen Einzugsgebieten. Dabei widmen wir uns vor allem sensiblen Personengruppen wie Kindern, Schwangeren und älteren Menschen.
Wachsende Bedeutung bei der Luftreinhaltung kommt den verkehrsbedingten Emissionen zu. Verkehrsbedingt hohe Belastungen ergeben sich insbesondere aus Feinstäuben und Stickstoffdioxid. Auch dazu erstellen wir jetzt Luftreinhaltepläne.
Wir müssen in Zukunft vor allem den Partikelausstoß der Ultrafeinstäube minimieren. Wir müssen daher neuen Abgasbehandlungstechniken zum Durchbruch verhelfen. Insbesondere die Belastung durch krebserzeugende Rußpartikel muss schnell reduziert werden.
Zu verkehrsbedingten Feinstaubbelastungen trägt nach neuen Erkenntnissen auch die durch Reifen- und Straßenverschleiß entstehende Staubaufwirbelung bei. Die Probleme und Anforderungen, die sich daraus ergeben, beschäftigen uns derzeit verstärkt.
Weiterhin unterstützen wir den Einsatz schwefelfreier Otto- und Dieselkraftstoffe und überprüfen die Einhaltung der Kraftstoffqualitätsanforderungen. Wir setzen uns für neue emissionsarme Kraftstoffe und alternative Antriebstechnologien ein: kurzfristig durch die Unterstützung von Erdgasfahrzeugen im innerstädtischen Verkehr, langfristig durch die Förderung der Wasserstofftechnologie.
Der Lärmschutz wird ein immer wichtigeres Thema: Die Lärmbelastung insbesondere für Menschen in der Stadt ist heute eines der großen Umwelt- und Gesundheitsprobleme. Durch Lärmminderungspläne werden wir die Lärmbelastung systematisch reduzieren. Die Aufklärung der Bevölkerung über Lärmgefahren ist für uns unentbehrlich.
Auch beim Gewässerschutz arbeiten wir in NRW zuerst auf Problem-Vermeidung und auf das Ziel der Umwelt- und Gesundheitsvorsorge hin. Mein Ministerium in NRW legt nun im siebten Jahr ein "Initiativprogramm zur ökologischen und nachhaltigen Wasserwirtschaft NRW" auf, das wir aus Mitteln der Abwasserabgabe bezahlen und mit dem wir insbesondere auch kleine und mittlere Unternehmen fördern, die in den vorsorgenden Gewässerschutz investieren. Wir fördern damit die Verbesserung von Kleinkläranlagen, dezentrale Abwasserlösungen im Außenbereich, Entsiegelungs- und Versickerungsmaßnahmen und wassersparende Produktionsverfahren.
In diesem Zusammenhang erhalten wir starken Rückenwind durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Denn hier geht es um eine Neuausrichtung der Wasser- und Gewässerschutzpolitik in Europa. Die Wasserrahmenrichtlinie betrachtet Oberflächengewässer und Grundwasser ganzheitlich - ebenso wie deren Nutzung durch den Menschen. Der Betrachtungsraum ist dabei unabhängig von Verwaltungs- und Landesgrenzen, sondern die Gewässer sind flussgebietsbezogen zu bewirtschaften, das heißt von der Quelle bis zur Mündung.
Das umfassende Ziel der Wasserrahmenrichtlinie ist der "gute ökologische Zustand", der für alle
Gewässer bis zum Jahre 2015 erreicht werden muss. Wir betrachten nun nicht mehr hauptsächlich den guten chemischen Zustand der Gewässer. Ebenso wichtig ist die Überlebensmöglichkeit der Pflanzen und Tiere im Gewässer, das heißt überwindbare Barrieren für Wanderfische und natürliche Auenbereiche.
In der EU-Wasserrahmenrichtlinie steht der so treffende Satz. Ich zitiere: "Wasser ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss." Dieses Bewusstsein müssen wir schärfen: für die Kostbarkeit von klarem, frischen Wasser, für die bessere Nutzung unserer Wasser-Vorräte.
Ein weiterer Baustein der nordrhein-westfälischen Umweltpolitik ist die Umsetzung der neuen Trinkwasserverordnung, die am 1. Januar diesen Jahres in Kraft getreten ist. Die neue Trinkwasserverordnung stellt im Vergleich zur Vorgängerversion durch anspruchsvolle Grenzwerte eine deutliche Verbesserung des Gesundheits- und Verbraucherschutzes dar. Grenzwerte gelten zum Beispiel nun an der Entnahmestelle für den Verbrauch. Damit sind Installationen in öffentlichen Einrichtungen wie zum Beispiel in Schulen, Krankenhäusern und Gaststätten stärker in die Überwachung einbezogen.
Unser Ziel ist es, auch weiterhin den Verbraucherinnen und Verbrauchern Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, das ein Leben lang unbedenklich aufgenommen werden kann.
Meine Damen und Herren,
auf einen Punkt unserer Landespolitik gehe ich ausführlicher ein: auf unsere Landwirtschafts- und Ernährungspolitik. Denn in keinem Bereich vermischen sich Gesundheitsschutz und Umweltschutz so deutlich wie bei der Ernährung.
Wir haben seit der großen BSE-Krise eine gesellschaftspolitische Debatte über die Land- und Ernährungswirtschaft. Viel zu lange wurde Landwirtschaft darauf reduziert, möglichst viele Nahrungsmittel zu möglichst niedrigen Preisen erzeugen zu können. Die Maxime "Je mehr und je billiger desto besser" ist sowohl Bäuerinnen und Bauern als auch Verbraucherinnen und Verbrauchern teuer zu stehen gekommen und hat über viele Jahre auch zu erheblichen Umweltproblemen geführt.
Seit der BSE-Krise gibt es nun in der Problemwahrnehmung eine Veränderung, die für die Agrarpolitik in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland einmalig ist. Diese Debatte hat unser Verhältnis zu unserer Ernährung nachhaltig beeinflusst. Auf breiter Basis werden Herkunft, Qualität und vor allem auch die ethischen Grundlagen unserer Nahrungsmittelproduktion ernsthaft hinterfragt.
Verbraucherinnen und Verbraucher legen bei ihren Nahrungsmitteln großen Wert auf gesicherte Herkunft, gute Qualität, klare Kennzeichnung und auf eine artgerechte Tierhaltung. Das ist ein klarer Auftrag an die Politik, entsprechend zu handeln. Wir wollen für marktnah erzeugte frische und gesunde Nahrungsmittel aus der Region sorgen. Wir wollen einen Beitrag leisten zum Überleben der bäuerlichen Familienbetriebe durch die Erzeugung von Qualitätsprodukten. Wir wollen Natur und Umwelt schützen und die vielfältigen Kulturlandschaften in den Regionen erhalten. Wir wollen die ursprüngliche Nähe von Erzeugung und Verbrauch wiederherstellen, um so der Umwelt und unserer Gesundheit zu dienen.
Meine Damen und Herren,
mein Ziel ist es zu verdeutlichen, dass wir alle mit jedem Euro, den wir für ökologisch und regional erzeugte Produkte ausgeben, einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der nachhaltigen Landwirtschaft leisten. Wir, die Verbraucherinnen und Verbraucher in NRW, bestimmen mit unserem Einkaufs- und Konsumverhalten ganz wesentlich, was und wie produziert wird.
Umweltgerechter Pflanzenbau und artgerechte Tierhaltung haben ihren Preis. Ebenso wie wir bei Bedarfsgütern wie Auto oder Waschmaschine auf das Preis-Leistungs-Verhältnis achten, sollten wir das zunehmend auch bei Lebensmitteln tun. Schließlich sind sie wie der Name sagt: Mittel zum Leben.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich komme auf die allgemeine Feststellung vom Anfang meiner Rede zurück, dass heute die Rolle von Umweltfaktoren für die menschliche Gesundheit eigentlich unumstritten ist. Einige haben das zweifellos schon lange gewusst. Für die Allgemeinheit ist diese Erkenntnis noch gar nicht so alt, wie die politische Historie zeigt:
Die Notwendigkeit, Gesundheitsbelange und Umweltfragen überhaupt miteinander zu verknüpfen, wird erstmalig im Jahre 1972 auf der berühmten UN-Umweltkonferenz in Stockholm anerkannt. Erst 20 Jahre später, im Jahre 1992, legt dann die Deklaration des Erd- und Umweltgipfels von Rio, die so genannte Agenda 21, die Gesundheit als zentrales Anliegen der Umweltpolitik fest. Als Reaktion auf die Agenda 21 verabschiedet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schließlich im Jahre 1993 ihr Programm "Global Strategy for Health and Environment".
Die Bundesregierung hat den Gedanken aufgegriffen und einen Aktionsplan "Umwelt und Gesundheit" erstellt. Dieses deutsche Aktionsprogramm sieht einen großen Bedarf an Informationsaustausch und Kooperation zwischen Umwelt- und Gesundheitspolitik. Entsprechend der NRW-Koalitionsvereinbarung aus dem Jahr 2000 entsteht zurzeit für NRW als erstem Bundesland ein "Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit". In der Koalitionsvereinbarung heißt es:
"Der steigenden Bedeutung der anthropogen verursachten Umweltbeeinträchtigungen für die Gesundheit der Menschen wird Rechnung getragen. Dazu werden die bestehenden Ansätze in Ergänzung zum Aktionsprogramm des Bundes in einem Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit NRW auf der Grundlage eines ganzheitlichen und medienübergreifenden Ansatzes in Verbindung mit Nachhaltigkeit zusammengeführt. In Verbindung mit den örtlich zuständigen Gesundheits- und Umweltämtern werden auf dieser Basis regional konkrete Maßnahmen erarbeitet und umgesetzt werden."
Das alles geht natürlich nicht von heute auf morgen: Aktionspläne "Umwelt und Gesundheit" lassen sich nur in einem auf mehrere Jahre angelegten Prozess erstellen und umsetzen. Dabei legen wir großen Wert auf die frühe Einbeziehung der Öffentlichkeit und auf eine möglichst intensive Kooperation mit den zahlreichen Institutionen aus dem Bereich Umwelt und Gesundheit.
Fest steht: Wir werden uns auch künftig - und mehr noch als bisher - im umweltbezogenen Gesundheitsschutz engagieren und so seiner elementaren Bedeutung Rechnung tragen. Aus Sicht der Umweltpolitik geht es bei den zukünftigen Aktionsplänen "Umwelt und Gesundheit" zuerst darum, speziell gesundheitsbezogene Umweltstandards zu formulieren, die es bisher kaum gibt. Hier muss eine Diskussion über das Ziel der gesundheitsförderlichen Umwelt ansetzen.
Meine Damen und Herren,
hier ist es auch durchaus nützlich, über unsere Vorstellung von Gesundheit selbst nachzudenken. Gesundheit wird immer verschieden empfunden und gelebt, sie ist individuell. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer zum Beispiel hat Gesundheit als ein im Verborgenen liegendes Phänomen beschrieben, das sich am ehesten durch das Gefühl von Wohlbefinden, Begeisterung und Freude zeigt sowie aktives Handeln und Erkenntnisoffenheit hervorbringt. Ein solches Verständnis löst Gesundheit nicht nur von der engen Orientierung an Krankheit, es löst die Gesundheitsdiskussion auch aus der medizinisch-professionellen Einengung. Denn Gesundheit benötigt immer auch besondere soziale und ökologische Lebensumstände, die ein gesundes Leben ermöglichen. Und das heißt für mich eben: Umweltpolitik ist immer auch Gesundheitspolitik.
Diese Auffassung stimmt auch mit dem Konzept der WHO überein. Dort heißt es: Wir wollen eine "gesundheitsförderliche Lebenswelt" schaffen. Es geht um die gesundheitsförderliche Veränderung der alltäglichen Lebensumstände in der Gemeinde, im Wohnumfeld, in der Arbeitswelt und in der Freizeit.
Und gerade hier, denke ich, ist auch die Arbeit der Kneipp-Vereine wichtig. Hier in Ihren Vereinen, meine Damen und Herren, wird Prävention betrieben und Gesundheit gefördert durch Bewegung, Anwendung natürlicher Reize, gesunde Ernährung und die weitgehende Wiederherstellung einer natürlichen Lebensordnung. Dieses Programm kommt meiner Vorstellung von einer intakten Umwelt zum Wohle der Menschen sehr entgegen.
Dem Kneipp-Verein Gronau wünsche ich weiterhin eine erfolgreiche Arbeit wie in den vergangenen zehn Jahren!
Vielen Dank.